Schweigeseminar - Teil 2 - Wut

Der zweite Tag wurde etwas nervenaufreibend, aber auch erkenntnisreich.

Die Nacht auf Dienstag war eher bescheiden. Das Bett war mit einer ungewohnt harten Matratze ausgestattet und stand direkt unter einer Dachschr�ge. W�hrend ich mich im Schlaf hin und her w�lzte, stie� ich das ein oder andere mal mit Kopf oder Gliedma�en gegen die abgeschr�gte Zimmerdecke, was letztendlich einen erholsamen Schlaf verhinderte. First World Problems, ich wei�.

Zumindest konnte ich dadurch mehr als p�nktlich aufstehen und rechtzeitig an der ersten Meditationseinheit teilnehmen.

Das Fr�hst�ck war f�r Vegetarier bestens geeignet, f�r Veganer hingegen weniger. Es�gab M�sli, aber keinen pflanzlichen Milchersatz. Auf die Idee, es mit hei�em Wasser zu probieren, kam ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Allerdings bemerkte ich auch sp�ter, dass selbst das M�sli "Schokopuffs" und somit vielleicht auch Milchanteile enthielt. Daneben gab es lediglich eine K�seplatte und Konfit�re. K�se ist definitiv nicht vegan und f�r die Marmelade gab es keine Angabe der Inhaltsstoffe. Da ich nicht sagen konnte ob Gelantine oder ein anderes Dickungsmittel benutzt wurde, stellte auch diese keine Option f�r mich dar. Ansonsten gab es weder K�seersatz, noch Gem�se, geschweige denn irgendeine Art von Streichcreme. Mit ein paar Gurken und Tomaten w�re ich schon gl�cklich geworden. Hallo Veganer, willkommen im l�ndlichen Taunus! Die Rettung war der Obstteller, in dem auch eine Reife Banane lag. F�r mich hie� es in den n�chsten Tagen also Brot und Br�tchen mit Banane. Da es jeden Morgen nur eine Banane f�r alle gab, war dies zum Leidwesen der anderen G�ste. Der erste Unmut machte sich langsam in mir breit.

Bis zum Mittagessen brachten Yoga und Meditation nur wenig Entspannung. Irgendwie war der Wurm drin und innere Unruhe durchflutete regelrecht meinen K�rper. Ein intensives Brennen in der Herzgegend.

Nach etwas mehr als drei Stunden �bungen, ging es schon zum Mittagessen. Der Organisation geschuldet, sollten sich alle Leute mit Extras beim Essen an einen gemeinsamen Tisch setzen, auf dem ein kleines Schildchen mit der Aufschrift "Sonderkost" stand. Dies tat ich und stellte fest, dass an meinem Platz kein Suppenteller stand. Da die Vorsuppe sogar vegan war, war ich �ber diesen Umstand minimal angepisst. Da ich im Schweigen war, war es f�r mich zu diesem Zeitpunkt keine Option, einfach in der K�che nach einem Teller zu fragen.

Weil es f�r mich keine Suppe gab, schaufelte ich mir frustriert Unmengen von Salat auf den Teller.

Als das Hauptgericht serviert wurde, kam die K�chenhilfe mit einer Auflaufform und vier Kohlrouladen zu den Sonderk�stlern und sagte "Diese hier sind f�r alle Di�tformen geeignet". Neben einigen Beilagen - ich glaube es gab an dem Tag Kartoffeln, Blumenkohl und Bohnen - nahm ich mir eine der Kohlrouladen, schnitt diese an, schob mir ein St�ck in den Mund und schmeckte den typisch s�uerlichen Geschmack von Feta, gemischt mit Hirse. In meinen Kopf schoss ein "Das darf jetzt nicht wahr sein!". Nach kurzem Sezieren des Inhalts, legte ich die Kohlroulade beiseite und �rgerter mich. Frustriert von dem Gedanken nichts zu essen zu bekommen, pl�nderte ich alles was an Salat und Gem�se noch �brig war, um letztendlich doch mit vollem Bauch und kurz vorm Platzen am Tisch zu sitzen. Dies war der Moment wo mir bewusst wurde, wie blind Wut machen kann. Ich hatte vor lauter �rgern nicht bemerkt, wie satt ich eigentlich schon war.

An den Schweigetagen hatten wir in der Mittagspause f�nf Minuten Gespr�chszeiten mit dem Kursleiter und als diese begannen, platzte ich f�rmlich heraus "Ich bin heute sehr sauer und w�tend". Er schaute mich mit gro�en Augen an, fragte was los ist und ich schilderte ihm meine Probleme mit dem Essen. Daraufhin kl�rte er mich auf, dass ich solche Dinge, trotz Schweigen, ruhig in der K�che ansprechen kann und dies besser sei als die Wut anzusammeln und ihr immer mehr Raum zu geben. Pl�tzlich hatte ich Optionen, f�hlte mich nicht mehr in der Situation gefangen, woraufhin die Wut langsam nachlie�. Sp�ter sollte sich eine weitere Erkenntnis formen: Wut kann ein Zeichen von Hilflosigkeit sein. Zum Teil f�hlte ich mich auch in meine Kindheit zur�ckversetzt, zog Parallelen und konnte zum Teil auch etwas Mitgef�hl f�r meine Eltern entwickeln, wenn diese damals sauer wurden. Vielleicht hilft mir diese Verinnerlichung auch in Zukunft dabei, die ein oder andere Situation entspannter sehen zu k�nnen.

Die Nachmittagssession war dann schon um einiges entspannter und ich konnte den Wechsel von Body Scan, Sitz- und Gehmeditation sogar ein wenig genie�en.

Zum Abend hin gab es dann auch eindeutig vegane Verpflegung mit jede Menge Salaten. Den ganzen Tag �ber gab es genug zu essen, wobei ich es teilweise schade fand, keine Alternativen angeboten zu bekommen. Zwischendurch gab es f�r mich noch eine weitere Erkenntnis. Wenn man f�r sich alleine sorgt klappt es meistens besser, da man genau wei� was man m�chte und auf niemanden R�cksicht nehmen muss, allerdings kann diese Perfektion auch zu Abgrenzung f�hren, in der nur wenig Platz f�r andere Menschen ist. Abgrenzung ist immer mit Schmerz verbunden und dann ist die Frage, welche Dosis gut ist und welche nicht.

Um 21 Uhr war der Tag, beziehungsweise die letzte Meditationseinheit, zuende und ich ging relativ ersch�pft ins Bett. In der Nacht wachte ich wegen dem bereits genannten Problem immer wieder auf, versuchte dann aber bewusst auf meine Atmung zu achten, eben achtsam zu sein.

Was habe ich an diesem Tag f�r mich mitgenommen?�Wut kann ein Zeichen von Hilflosigkeit sein, zu viel Selbstst�ndigkeit macht vielleicht einsam und man sollte sich nicht an jede Regel halten, wenn diese nur dazu f�hrt, dass man ungl�cklich wird.

Der Mittwoch sollte wieder ein wenig entspannter werden�... Fortsetzung

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