Schweigeseminar - Teil 4 - Fastenbrechen

Der Donnerstag brach an und somit auch der letzte Tag des Schweigens. Gegen Abend sollten wir wieder miteinander sprechen d�rfen. Bereits am Morgen machte ich mir Gedanken dar�ber, was ich denn im Gespr�chskreis erz�hlen w�rde. Was hatte ich denn in den letzten beiden Tagen bereits f�r mich mitgenommen? Ein typisches Beispiel unn�tiger Gedanken, die weit entfernt vom jetzigen Augenblick sind.

Bei dem letzten Seminar, an dem nur einen Tag lang geschwiegen wurde, erz�hlten viele Teilnehmer nachher von einer�Dankbarkeit die sie in sich sp�rten. Obwohl es mir immer gut geht, vielleicht auch gerade deswegen, empfinde ich nur selten bis gar nicht Dankbarkeit. �ber diesen Umstand musste ich den Tag �ber nachdenken und stellte f�r mich fest, dass so etwas wie Dankbarkeit in unserer Gesellschaft nur wenig kultiviert und gepflegt wird - obwohl es sich eindeutig um ein sch�nes Gef�hl handelt. Zwar reden viele davon "sei doch mal dankbar", aber selbst zeigen sie es kaum, getreu dem Motto "Nicht gemeckert ist Lob genug". Stattdessen soll Leistung erbracht werden, in der Schule �ber Noten, und selbst das Beste ist gerade mal gut genug. Man muss sich von der Masse abheben um auch nur im Ansatz gesehen zu werden, wodurch eine Trennung entsteht - Trennung wiederum ist in meinen Augen ein eher schmerzhaftes Gef�hl. Ich denke jeder wei� wie es sich anf�hlt verlassen zu werden, oder sich einer Gruppe nicht zugeh�rig zu f�hlen. Es scheint mir als w�rden wir den Fokus eher auf die schmerzhaften Gef�hle lenken, anstatt auf wohltuende. Dies ist zumindest ein Punkt, auf den ich zuk�nftig st�rker achten m�chte. Hinterfragen was mich wirklich gl�cklich macht und dann auch so handeln.

Obwohl ich mir f�r das Fr�hst�ck bereits andere Dinge, wie M�sli mit hei�em Wasser, �berlegt hatte, blieb ich den dritten Tag in Folge bei Br�tchen mit Banane. Das schmeckte n�mlich verdammt gut! Da es morgens auf dem Obstteller nur eine Banane f�r alle Teilnehmer gab, war dies vermutlich zum Leidwesen aller anderen. Da geschnittener Apfel aufs Brot nicht ganz mein Fall war, nahm ich darauf allerdings keine R�cksicht.

Ges�ttigt ging es weiter zum Vormittagsprogramm und ich genoss noch ein wenig die Entspannung vom Vortag. Pl�tzlich und aus heiterem Himmel kam das Problem, welches ich bereits Montag mit im Gep�ck hatte aber bisher erfolgreich in den Hintergrund schieben konnte, wieder an die Oberfl�che. Meine Gedanken kreisten sich pl�tzlich nur noch um diese eine Sache, mein K�rper wurde unruhig, der Herzschlag schneller und innerhalb weniger Sekunden war die gesamte Erholung wie vom Erdboden verschluckt.

Wenn ich an diese Situation denke kommen viele �ngste und Zweifel in mir hoch. Die Angst bestimmte Entscheidungen zu treffen und Zweifel das Richtige zu tun und vielleicht nicht doch selbst Schuld an der Situation zu sein. Nat�rlich kann man nicht erwarten, dass andere einem die Probleme abnehmen, sie haben selbst genug davon, deswegen muss man selbst etwas �ndern. Meine Erkenntnis in dem Punkt war, dass es keine Rolle spielt warum es so ist, sondern dass es nicht so bleiben sollte - es ist nicht normal, dass lediglich Gedanken die Erholung eines ganzen Tages, innerhalb von wenigen Sekunden, zunichte machen k�nnen. Es wird bei mir noch eine Zeit lang dauern bis ich wirklich selbstbestimmt handeln und leben werde, aber dieses Erlebnis war ein weiterer Schritt in diese Richtung. Was ich auch beachtlich fand war die Tatsache, dass mein Problem genau "jetzt" wieder zum Vorschein kam. Es scheint was dran zu sein, wenn jemand sagt, dass alles zu seiner Zeit passiert. Schlie�lich hatte ich jetzt die n�tige Energie mich erneut damit auseinanderzusetzen und mein Unterbewusstsein schien das gut abgestimmt zu haben.

In diesem Zusammenhang hatte ich auch noch eine weitere Erkenntnis. Als wir im Au�enbereich erneut eine Gehmeditation durchf�hrten, erhielten wir die M�glichkeit so zu gehen, wie und wo wir wollten. So entschloss ich mich kreuz und quer durch den Garten zu gehen und zu versuchen, keinen Weg zwei mal zu gehen. Dabei fiel mir etwas auf: Der asphaltierte Weg war einfach zu gehen. Die F��e mussten nicht viel ausbalancieren, man musste nicht gro�artig aufpassen wo und wie man auftritt, da die Fl�che doch immer gleich war. Glatt und grau! Demgegen�ber gab es die Wiese. Man musste aufpassen wo man hintritt, die Fl�che war uneben, weswegen man mit den F��en �fter gegensteuern musste um nicht umzuknicken. Dennoch war er sch�ner anzusehen und bereite mehr Freude - gr�nes Gras, Blumen, das Leben tummelte sich im Gestr�pp und die Wahrnehmung war viel intensiver als auf dem asphaltierten Rundweg. Ist es im Leben genau so? Man kann das machen was alle anderen machen, es ist sehr bequem zu gehen, bietet aber nur wenig Abwechslung. Demgegen�ber steht das buntere Leben. Man muss sich mehr anstrengen, aber irgendwie funktioniert es. Obwohl es nicht so einfach ist, erf�llt es das Herz und l�sst das Leben deutlich mehr sp�ren. Ein Gedanke der immer noch pr�sent ist und vielleicht lohnt es sich, aus genau solchen Gr�nden, sich seinen �ngsten zu stellen.

W�hrend des Mittagessens fielen mir zwei weitere Dinge auf. Wir reden im Alltag mehr als notwendig und sobald die Menschen genug Freiraum f�r sich haben, gehen sie gerne auf andere zu und sind von sich aus freundlich. Obwohl wir zu dem Zeitpunkt noch im Schweigen waren und immer noch solche Dinge wie Augenkontakt vermeiden sollten, eben nur auf uns achten, ignorierten das die Leute�an unserer Tischgruppe. Die Teller und Sch�sseln wurden hin- und hergereicht. Man war irgendwie f�reinander da, ohne dass auch nur ein Wort gewechselt wurde. Das klingt vielleicht ein wenig theatralisch, aber man war auf eine stille Art und Weise miteinander verbunden, f�reinander da und trotzdem noch f�r sich. Ein sch�nes und Vertrauen erweckendes Erlebnis.

Nach dem Mittagessen setzten wir quasi zum Endspurt an und praktizierten die letzten Meditationen in Stille, bis wir uns langsam daraus l�sen sollten. Dieses L�sen begann in Zweierguppen, bei der wir jeweils sieben Minuten unserem Partner oder unserer Partnerin die Ohren, mit den Erlebnissen der letzten Tage, vollquatschen konnten. Man bekommt eine Frage gestellt, beantwortet diese und bekommt die Frage erneut gestellt, so lange, bis die sieben Minuten um sind. Beim ersten Kurs ben�tigte ich mehrere Ans�tze, bekam also mehrmals die gleiche Frage gestellt, weil mir nichts mehr einfiel was ich erz�hlen "sollte". Dieses mal sprach ich ganze sieben Minuten am St�ck und h�tte am Ende noch mehr erz�hlen k�nnen.

Das Schweigen zu brechen nahm ich bei vielen Teilnehmern als sehr intensiv war. Die Menschen hatten einfach mehr Freude zu erz�hlen und die Gespr�chsqualit�t ist wesentlich h�her als im Alltag. Es ist sch�n wieder nach Au�en gehen zu k�nnen und sich anderen mitzuteilen. Das was gesagt wird, bekommt in dem Kontext einen ganz anderen Sinn, bzw. �berhaupt erst einen Sinn. Dabei ging es gar nicht mal um die Erfahrungen der letzten Tage, sondern um das, was einem au�erhalb des Kurses im Leben so besch�ftigt. Ich hatte aber nicht nur das Gef�hl, dass das sprechen viel gehaltvoller ist, sondern es genau so viel Freude machen kann anderen wirklich zuzuh�ren.

Dies zog sich auch so �ber das Abendessen und die letzte Sitzung hinaus. Die H�lfte der letzten Sitzung trafen sich noch mal alle, die das Bed�rfnis hatten, im Gemeinschaftsraum und unterhielten sich �ber dieses und jenes. Die Abschlussmeditation endete,, wie gehabt, gegen 21 Uhr und es wurde uns empfohlen noch die Taschen zu packen, da die Zimmer morgen fr�h um 9 Uhr bereits ger�umt sein sollten.

Auf dem Treppengang wurde ich gefragt, ob ich noch Lust auf einen Waldspaziergang und Besuch eines Aussichtsturmes h�tte, verneinte dies dann aber. Oben im Zimmer angekommen entschloss ich mich dann aber doch noch, mich der Gruppe anzuschlie�en, was sp�ter mit einer wundervollen Aussicht auf eine hell erleuchtete Frankfurter Skyline belohnt wurde.

Nach dem kurzen Ausflug packte ich meine Tasche und ging gegen 23 Uhr ins Bett, mit der Gewissheit, die letzte Nacht hier zu schlafen und mit einem leichten Gef�hl, am n�chsten Tag nach Hause fahren zu k�nnen.

Fortsetzung

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