Nur weil man ein gewisses Alter erreicht hat, heißt dies noch lange nicht, dass man bereits Erwachsen geworden ist. Nicht für alle ist es erstrebenswert erwachsen zu werden, für alle anderen, bietet dies Buch einen Ratgeber, wie auch große Kinder noch zu sich selbst finden können. So lautet der Subtitel des Buches "Eine Anleitung für Erwachsene, die Beziehung zu den Eltern zu normalisieren".

Worum geht es?

Howard M. Halpern praktizierte über ein halbes Jahrhundert als Psychotherapeut, widmete sich besonders am Anfang seiner Karriere der Psychologie mit kleinen Kindern, litt an Parkinson und starb mit 82 Jahren an Leukämie. (Quelle: NY Times)

In seinem Buch Abschied von den Eltern erklärt er die Zusammenhänge der sozialen Gefüge zwischen Eltern, Kindern und Geschwistern. In seinen Beispielen geht er von einem klassischen Erziehungsbild aus, bei dem die Mutter einen fürsorglichen Part übernimmt, während die Rolle des Vaters darin bestehen soll, Stärke zu zeigen und dem Kind den Mut zu geben in ein eigenes Leben weiter zu ziehen und eigene Entscheidungen zu treffen. Zusätzlich soll es die Rolle des Vaters sein, der Mutter den "Verlust" der Kinder so leicht wie möglich zu machen, wenn diese das Haus verlassen.Dies ist zumindest der theoretische Ansatz.

Aufbau und Inhalt

In der Praxis ist es nun allerdings so, dass sich viele anderen Kombinationen innerhalb von Familien ergeben, die ein Kind daran hindern, erwachsen zu werden und einen eigenen Weg einzuschlagen. Welche Kombinationen dies sein können, beschreibt Halpern bewusst auf eine sehr drastische Art und Weise, um die Zusammenhänge deutlich zu machen. Schwerpunkt der Erklärungen ist das eigene innere Kind, aber auch das Zusammenspiel zwischen Eltern und Geschwistern.

Die Komplexität zwischen Kind und Eltern beginnt einfach und steigt von Kapitel zu Kapitel. Während Anfangs lediglich die Beziehung zwischen Kind und einem der Elternteile beschrieben wird, werden nach und nach Interaktionen zwischen den Eltern und zwischen den Geschwistern hinzugezogen und zusätzlich auf die Rollen der einzelnen Familienmitglieder eingegangen. Diese Interaktion zwischen Eltern und Kindern vergleicht Halpern mit einem Tanz und stützt sich dabei gerne auf Zitate aus Pop-Musik, Musicals und Theaterstücken.

Die einzelnen Kapitel lauten wie folgt:

Shall We Dance? - Tänze, die uns binden (S. 11)
The Ties That Bind - Doppelbindungen (S. 23)
You Always Hurt The One You Love - Märtyrer Mütter (S. 40)
The Sound Of Silence - Schwache Väter (S. 58)
My Way - Despotische Väter (S. 75)
The Saints Go Marching In - Moralisierende Eltern (S. 95)
You're So Vain - Lieblose Eltern (S. 120)
Mrs. Robinson - Verführerische Eltern (S. 142)
We Are Family - Tänze der Familie (S. 160)
Two Different Worlds - Getrennte Eltern (S. 185)
When I'm Sixty-Four - Alternde Eltern (S. 202)
The Song Is Ended - Verstorbene Eltern (S. 215)
Let It Be - Befreiende Entscheidung (S. 233)

Pro Kapitel wird eine Konstellation herangezogen, in der systematisch erklärt wird, welches Verhalten der Eltern zu welchem Verhalten des Kindes, dem heutigen Erwachsenen, führen kann. Die Beschreibung erfolgt ohne dogmatischen Ansatz und lässt mehrer Möglichkeiten offen - so werden in der Regel mehrere Ursachen genannt und ebenso mehrere Möglichkeiten, welche Wirkung dazu eintreten könnte. Auf eine Opfer-Täter-Verteilung wird hier verzichtet und jedem eine gewisse Art der Verantwortlichkeit zugesprochen. Die Erklärungen werden mit Geschichten, die Halpern mit seinen Klienten erlebte, ergänzt.

Meine Meinung

Dieses Buch war für mich, vor allem wegen der vielen Themen, sehr interessant zu lesen. Vieles half mir dabei eigene Zusammenhänge besser zu verstehen. Der rote Faden zwischen den Themen, mit steigender Komplexität, half sehr gut, sich in das Thema hineinfühlen zu können. Schön fand ich auch, dass es keine klassische Opfer- und Täterrolle in den Erklärungen gab. So wurde zum Beispiel deutlich gemacht, dass Eltern oft noch selbst Konflikte mit ihrem inneren Kind austragen und die Probleme an ihr Kind weitergeben, oder in den Kindern sogar eine Art Elternersatz suchen könnten. Dies macht es einem leichter eigenen Frust zu verringern und gar nicht erst Wut, Hass und Vorwürfe aufkommen zu lassen - sondern im Gegenteil, noch Verständnis zu entwickeln.

Die Vielfalt erstreckt sich nicht nur auf die Themen, sondern auch auf die therapeutischen Methoden, die den Klienten jeweils einen besseren Umgang mit sich selbst ermöglichten. Hier kann man sich vielleicht noch das ein oder andere abschauen, wobei ich persönlich nicht sicher bin, ob Theorien nach Freud noch zeitgemäß sind - hierzu fehlt mir allerdings das notwendige Fachwissen.

Wer mehr über sich selbst und seine Familie erfahren und den ein oder anderen "Tick der Sippe" verstehen möchte, findet hier vielleicht einen Anhaltspunkt! Für mich war/ist es ein sehr lehrreiches und interessantes Buch!

Weitere Informationen

  • Titel: Abschied von den Eltern - Eine Anleitung für Erwachsene, die Beziehung zu den Eltern zu normalisieren
  • Autor: Howard M. Halpern
  • Verlag: iskopress
  • ISBN: 3-89403-411-4
  • Preis: 22,80 €
  • Homepage: -
  • Sonstige Informationen: -

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